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*** Abseits des Lebens ***

 
dfdh kritik
 
Autor: Walter Hummer
 
Robin Wright’s erster Spielfilm als Regisseurin ist 80 Minuten lang wunderbar tiefsinnig und herrlich unkonventionell. Aber der Film dauert 89 Minuten …
 
Welcome to your life …
Edee (Robin Wright) spricht mit ihrer Schwester über einen Verlust. Danach zieht sie von der Großstadt in die Wildnis der Rocky Mountains. Als sie auf dem Weg einen Anruf ihrer Schwester erhält, entsorgt sie ihr Mobiltelefon in einer Mülltonne. Die Hütte fernab der Zivilisation hat weder, Telefon noch Strom oder fließendes Wasser. Trotzdem bittet Edee den Makler, für die Abholung ihres Leihwagens zu sorgen. Ohne jede Möglichkeit die Zivilisation zu erreichen, will Edee in der Wildnis leben.
 
Aber will sie überhaupt leben? „Land“ (können wir uns darauf einigen, den saudummen deutschen Titel „Abseits des Lebens“ nicht zu verwenden? Es ist schlimm genug, dass jemand Geld damit verdient, uns mit solchem Unsinn den Film zu verderben.) im Kino zu sehen, ist ein wunderbares Erlebnis für jeden echten Filmfan. Dieser Film vermittelt Emotionen, wo in anderen Filmen Schauspieler erklären, wie ihre Figuren sich gerade fühlen. Dieser Film zeigt Situationen, wo andere Filme uns erklären, was gerade auf der Leinwand passiert. Dieser Film zeigt die Entwicklung einer Figur, lässt sie einen Weg zurücklegen, wo andere Filme ihre Figuren von Szene zu Szene andere Dinge tun lassen damit die Handlung funktioniert.
 
 
Das Drehbuch von Erin Dignam („Grenzenlos“) und Debüt-Autor Jesse Chatham macht fast alles richtig. Und Robin Wright zeigt bei der Regie ihres ersten Spielfilms den Instinkt einer großen Regisseurin. Sie vertraut ihren Autoren und deren Geschichte. Sie vertraut den Bildern ihres Kameramanns, Bobby Bukowski („Arlington Road“). Sie vertraut ihren Darstellern, von denen es nur wenige zu sehen gibt und die noch weniger Dialog sprechen. Und sie vertraut sich selbst als Regisseurin.
 
Wrights Selbstvertrauen als Regisseurin zeigt sich, wenn ihr Film seinem Publikum nicht alles erklären muss. Diese Geschichte darf passieren, darf sich entwickeln können. Wrights muss uns nicht ständig mit großartigen Panoramen beeindrucken. Wildnis ist nicht immer endlose Weite. Manchmal ist Wildnis auch der Weg zwischen Hütte und Plumpsklo. Die Darsteller brauchen nicht dauernd Dialog. Sie brauchen Zeit und Raum, ihre Figuren zu vermitteln. Wright gibt sich und dem Rest des Ensembles diese Zeit und diesen Raum.
 
Wright stand zum ersten Mal als Teenager vor der Kamera. Mit Einundzwanzig wurde sie mit „Die Braut des Prinzen“ bekannt, nach „Forrest Gump“ war sie ein Star. In den letzten fünfundzwanzig Jahren spielte sie manchmal kleinere Rollen in anspruchsvollen Filmen, oft unter der Regie ihres damaligen Partners, Sean Penn („Crossing Guard“, „Das Versprechen“). Sie drehte aber auch Kommerzfilme wie „Message In A Bottle“ oder Blockbuster wie „Wonder Woman“. Schwierige Filme wie „Die Lincoln Verschwörung“ oder „Der Kongress“ funktionierten hauptsächlich wegen ihrer Leistungen.
 
Robin Wright ist eine erfahrene, selbstsichere Frau in einer Welt, die gerade bei Frauen oft weder Erfahrung noch Selbstsicherheit belohnt. In diesem Film zahlt sich beides aus. Mit einer anderen Darstellerin, mit einer anderen Regisseurin, hätten wir vielleicht nur eine verzweifelte Figur gesehen, die von einem Trauma überfordert wird. Wright zeigt uns eine starke Frau, die auf ihre eigene ungewöhnliche Art und Weise versucht, die schlimmste Krise ihres Lebens zu bewältigen. Diese Frau muss sich nicht erklären. Warum soll eine starke, selbstbewusste Frau sich erklären? Warum soll sie Ihre Art des Umgangs mit einem Trauma rechtfertigen, wenn sie nur noch sich selbst verantwortlich ist?
 
01 ©2021 Universal Pictures02 ©2021 Universal Pictures03 ©2021 Universal Pictures04 ©2021 Universal Pictures
 
Dabei geht Wright als Darstellerin, aber vor allem als Regisseurin wunderbar subtil vor. Die starke humanistische und – wenn man so möchte – feministische Botschaft des Films drängt sich uns nicht auf. Wir nehmen diese Botschaft auf, wie wir die Wärme einer Suppe aufnehmen, mit der wir uns in einer kalten Hütte in den winterlichen Rocky Mountains stärken. Und so wie sich die Figur der Edee für die harten Winter und das anstrengende Leben in der Wildnis stärken muss, so müssen auch wir uns stärken für den Schluss des Films.
 
There’s no turning back …
 
Wie ein Bär eine Hütte verwüstet und den größten Teil unserer Vorräte zerstört, so verwüstet der Schluss des Films den Genuss echter Filmkunst und zerstört die tiefe, profunde Botschaft des Films. Ich weiß, Hollywoodfilme brauchen immer eine versöhnliche Auflösung. Ich weiß, diese Auflösung muss am Ende immer minutenlang haarklein erklärt werden, damit auch der dümmste Ticketkäufer versteht, worum es geht. Aber DIESER Film hätte diese Auflösung NICHT gebraucht. Am Ende DIESES Films hätte es KEINER Erklärungen bedurft.
 
Dieser Film vermittelt uns, wie zwei Menschen einander nahe kommen können, ohne einander jede einzelne Kleinigkeit zu erzählen. Dieser Film weiß, dass zwei Menschen sehr viel teilen und trotzdem Geheimnisse voreinander haben können. Dieser Film zeigt, wie Menschen einander nahe sein können, auch wenn sie oft räumlich getrennt sind und nicht viel Zeit miteinander verbringen. In diesem Film kann das Unausgesprochene viel aussagen.
 
In einem der größten Filme aller Zeiten heißt es „Constantly talking isn't necessarily communicating“. Und „Land“ zeigt uns immer wieder, wie wahr dieser Satz ist. Wenn Edee Zeit mit dem erfahrenen Jäger Miguel verbringt, kommunizieren diese beiden Menschen viel und sprechen nur wenig. Dieser Film zeigt, nicht alle Probleme löst man durch Reden. Warum muss gerade DIESER Film dann ein Ende haben, in dem alle losen Fäden verknüpft, alle Geheimnisse gelüftet und alle Konflikte gelöst werden müssen, wie in den letzten 10 Minuten einer Folge von „Das Traumschiff“?
 
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Acting on your best behaviour …
 
Robin Wright hat das Gesicht einer Prinzessin und einer Kaiserin, sie hat den Körper eines Modells und einer Kriegerin. In diesem Film ist sie eine Alpha-Frau ohne Rudel. Sie ist stark und wirkt gleichzeitig völlig verloren. Sie ist entschlossen und doch unsicher. Verzweifelt und doch Hoffnungsvoll. Ganz allein und nicht einsam. Sie verkörpert in diesem Film die Ambivalenz des menschlichen Daseins.
 
Demián Bichir („A Better Life“) spielt den erfahrenen Waldläufer mit stiller Würde und einem traurigen Lächeln. Er zeigt wohl die beste Leistung seiner Karriere und ist natürlich auch in seiner Schlussszene großartig. Leider ist eben diese Schlussszene ein Verrat an Bichirs Leistung und an der von ihm dargestellten Figur.
 
Kim Dickens sieht man seit Jahrzehnten immer wieder in unterschiedlichsten Nebenrollen in Filmen wie „Das Mercury Puzzle“ oder „Blind Side“. Sie vermittelt in wenigen kurzen Szenen die verzweifelte Hilflosigkeit eines Menschen der helfen will und nicht kann.

Fazit
 
Ein wunderschöner Film, der auf ungewöhnliche Art und Weise eine faszinierende Geschichte erzählt und profunde Einsichten bietet. Der lächerlich konventionelle Schluss verhindert ein Meisterwerk.
 
 
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