This is the way
Ich habe „Star Wars: The Mandalorian and Grogu“ in dieser Rezension nun mehrmals als „Film“ bezeichnet. Das war natürlich grundfalsch und irreführend und ich entschuldige mich hiermit dafür. „Star Wars: The Mandalorian and Grogu“ ist kein „Film“, sondern einfach eine Doppelfolge einer Fernsehserie, mitsamt der öden, für Fernsehserien typischen Dramaturgie. Die Handlung besteht tatsächlich aus zwei verschiedenen Abenteuern, deren erstes bei der Hälfte der Laufzeit überstanden ist und deren zweites drei Minuten später beginnt. Am Ende ist „Star Wars: The Mandalorian and Grogu“ einfach „Content“, mehr nicht. Sehr gut gemachter “Content”, aber trotzdem einfach nur „Content“, der aus rein vertriebstechnischen Gründen zunächst im Kino gezeigt wird.
Zusätzlich zu den 100 Punkten für Fanservice verdient sich „SW: TMaG“ (wie ich den Titel für den Rest der Rezension abkürzen werde) auch noch die volle Punktzahl für Ironie wegen der Besetzung von Martin Scorsese als Stimme eines nervösen Imbisswirts. Herr Scorsese meinte bekanntermaßen vor wenigen Jahren über Marvel-Filme: „That's not cinema. Honestly, the closest I can think of them, … is theme parks. It isn't the cinema of human beings trying to convey emotional, psychological experiences to another human being.“ Betrachten wir also mal, welche emotionale oder psychologische Erfahrungen uns menschlichen Wesen in „SW: TMaG“ von anderen menschlichen Wesen vermittelt werden.
Die hier erzählte Waisenkind-Ersatzvater-Geschichte erreicht mich als menschliches Wesen weder emotional noch psychologisch je richtig. Der Kerl, der seinen Fimo-Helm praktisch nie abnimmt, hat zu der Handpuppe auf seiner Schulter, eine reine Zweckbeziehung. So ungeschickt wie er sich regelmäßig anstellt, ist es für ihn natürlich praktisch, wenn ihm eine machtsensitive Kasperlpuppe aus der Patsche helfen kann. Dafür zeigt der Kopfgeldjäger sich nie wirklich dankbar und ist auch kaum je freundlich oder nett zu der Puppe. An mehr als einer Stelle befiehlt er dem Kleinen „Heel!“ (auf Deutsch also „Bei Fuss!). Mein Vater war sicher kein warmherziger Mann. Tatsächlich wären manche seiner Erziehungsmethoden sogar im antiken Sparta ein Fall fürs Jugendamt gewesen. Aber das Kommando „Bei Fuss!“ habe ich von ihm nie gehört.
Übrigens, wer mir jetzt einreden will, dass die „emotionale oder psychologische Erfahrung“ der Beziehung zwischen dem Mandalorian und seinem Zögling in der Fernsehserie viel besser vermittelt wurde, belegt damit nur mein Argument, wonach „SW: TMaG“ bloß eine Doppelfolge einer Fernsehserie und damit „Content“ ist (siehe oben). Und weil ausgerechnet in den Marvel-Filmen die „emotionale oder psychologische Erfahrung“ einer Waisenkind-Ersatzvater-Beziehung bereits vor Jahren vorsichtig geschätzt tausendmal besser vermittelt wurde als hier, bekommt Regie-Altmeister und Teilzeit-Voice-Actor Scorsese persönlich nochmal 1000 Punkte für Scheinheiligkeit verliehen.
That’s a bad baby
„SW: TMaG“ ist also tatsächlich gar kein Film, sondern Fanservice, Second Screen Entertainment und am Ende einfach bloß Content. In einem solchen Projekt gibt es für Schauspieler*innen nichts zu gewinnen. Es gibt für sie ja auch kaum etwas zu tun. Ich kann es zwar nicht belegen, aber ich wäre bereit, einiges darauf zu verwetten, dass Pedro Pascal tatsächlich keine fünf Drehtage an diesem Film mitgewirkt hat. Selbst das Einsprechen seiner Dialogzeilen im Tonstudio sollte in wenigen Stunden erledigt gewesen sein. Bei einer Figur, die ständig einen Vollvisierhelm trägt, sollte es nicht schwer fallen, den Text „lippensynchron“ abzuliefern.
Sigourney Weaver bessert sich seit einigen Jahren ihre Rente mit unergiebigen Nebenrollen in allen möglichen Science-Fiction oder Fantasy-Franchises auf. Nach „Ghostbusters: Niemals stirbt man so ganz“ und „Avatar: Feuer am Arsch“, nun also auch bei Star Wars. Jetzt muss sie bloß noch auf der Brücke der Enterprise jemandem die Handlung erklären oder demnächst einen Terminator über Zeitreisen belehren. In „SW: TMaG“ sieht man die alte Dame kurz am Steuerknüppel eines X-Wing, weil … naja, natürlich gibt es am Ende auch wieder einen Angriff einer Staffel X-Wings auf ein wichtiges, mit Lasergeschütztürmen bewachtes Ziel. Kann daran noch irgendein Zweifel bestehen?
Jeremy Allen White war großartig in „Deliver my from Nowhere”. Hier leiht er seine Stimme einer Figur namens „Rotta the Hutt“, dem Sohn von Jabba the Hutt, der auf einem Planeten, der aus den alten Kulissen von „Blade Runner“ besteht, als eine Art Weltraum-Gladiator Karriere gemacht hat. Und nein, das habe ich mir nicht ausgedacht. Wenn während des Finales drei ausgewachsene Hutten miteinander kämpfen, sieht das etwa so uncool aus, wie es klingt und belegt bloß, dass man bei Lucasfilm irgendwann lernen sollte, dass man nicht alles, was man zeigen kann, auch zeigen muss.
Aber es wird wohl noch eine ganze Weile dauern, bis sich diese Einsicht durchsetzt. Unter den vielen animierten Nebenfiguren habe ich eine gesehen, die tatsächlich wie einer der vor einen halben Jahrhundert verworfenen Entwürfe Ralph McQuarries für die Figur des Chewbacca aussieht. Es wird also mittlerweile auch schon Ideen-Recycling betrieben.
Der Star des Films ist natürlich Grogu, der von niemanden dargestellt wird, weil er eine Handpuppe ist, die nicht spricht. Ja, ich weiß, auch Yoda wurde vor mehr als 45 Jahren von Frank Oz, einem der kreativen Köpfe hinter den „Muppets“ als Puppe entworfen, bedient und gesprochen. Aber wo Yoda sowohl witzig sein als auch stille Würde und Weisheit ausstrahlen konnte, wirkt Grogu wie ein bloße Vorlage für Merchandising-Artikel. Dazu passt auch, dass seine Fähigkeiten und Entscheidungen ausnahmslos immer den Erforderlichkeiten des Drehbuchs folgen. Einerseits ist das Kleinkind besser und schneller im Gebrauch der Macht als Luke Skywalker nach dem Training durch Yoda. Andererseits kapiert es nicht, welche Knöpfe in einem Raumschiff zu drücken sind. So schafft man Content. So verkauft man Spielzeug. Emotionale oder psychologische Erfahrungen vermittelt man auf die Art nicht. Und einen richtigen Film dreht man auf die Art auch nicht.