Kritik: Ein Münchner im Himmel - Der Tod ist erst der Anfang
Autor: Walter Hummer
Die Lektüre der Rezension dieser Jenseitsgeschichte aus Bayern mag sich für viele Filmfans erübrigen …
Luja, sog I!
Aus der Einladung zur Pressevorführung: „Taxifahrer und Münchner Original Wiggerl (Maximilian Brückner) landet nach einem Autounfall im Himmel – aber statt Bier und Blasmusik gibt’s hier nur Soja-Manna und Yoga zu Harfenklängen. Ein Albtraum für den aufmüpfigen bairischen Dickkopf. Damit im Himmel wieder Ruhe und Frieden einkehrt, schickt man ihn kurzerhand mit einer Mission zurück. Wenn er es schafft sein Karma-Konto auf Vordermann zu bringen, darf er auf der Erde bleiben.“ Wer tatsächlich meint, München sei „die schönste Stadt der Welt“, wie bereits in der allerersten Szene (!) dieses Films zu hören, kann an dieser Stelle zu lesen aufhören. Ich wünsche allen Leser*innen, die München tatsächlich dafür und für eine „Weltstadt mit Herz“ halten, statt für ein eher langweiliges Millionen-Dorf, viel Vergnügen bei David Dietls neuem Film. Geh weida, kaff da a Koatn oda zwoa! Des is a rechte Gaudi!
Ab hier sollten nur noch Filmfans weiterlesen, die sich nicht bereits für jeden neuen Eberhofer-Krimi, von „Obazda-Tango“ bis „Presssack-Polonaise“, begeistern konnten und nicht sämtliche Asterix-Bände auf boarisch daheim haben. Obwohl, genau genommen könnten auch die aufhören zu lesen. Und dann könnte ich eigentlich zu schreiben aufhören und mich um Wichtigeres kümmern, als einen Film zu besprechen, den sich manche Leute nicht nur irgendwie sondern sowieso und der Rest von Deutschland wohl kaum ansehen werden.
Aber wie mir mein Chefredakteur eben erklärt hat, müssen wir auch über solche Filme berichten. Und außerdem meinte ein weiser Mann einmal, „A bissl was geht immer“. Also gemma’s an. „Wer früher schreibt, ist schneller fertig“. Dann berichte ich mal lieber über den ganz normalen Wahnsinn dieser Münchner Geschichte …
Fangen wir mit dem Drehbuch an. Das stammt von Marcus Pfeiffer und ist tatsächlich das Schlimmste am ganzen Film. Man möchte beinahe noch einmal Monaco Franze, den Helden eines Meisterwerks des Vaters von Regisseur David Dietl, zitieren: „Ein rechter Scheißdreck war's! Altmodisch bis provinziell war's! Des war's!“. Zunächst einmal hat das Ganze mit der Kurzgeschichte von Ludwig Thoma, die übrigens „DER Münchner im Himmel“ heißt, nur wenig zu tun. Ein oder zwei Zitate, eine kurze Szene mit einem Brief an die Staatskanzlei und das war’s. Der Kas is gess’n.
Aber Pfeiffer hat noch weitere Klassiker quergelesen. Weite Teile der Handlung wurden bei Ferenc Molnárs Meisterwerk „Liliom“ gestohlen, bloß eben leider nicht besonders gut. Denn wo Molnar poetisch das Scheitern eines echten Strolchs selbst noch im Tode gezeigt und dem Publikum die Tragödie eines Mannes vorgeführt hat, der lieben will aber nicht kann, weil er es nie gelernt hat, will uns Pfeiffer mehr als hundert Jahre später einen egoistischen Armleuchter als liebenswürdigen Hallodri verkaufen. Eigene Ideen hat der Drehbuchautor kaum beizutragen. Das wenige, das Pfeifer nicht bei Molnar geklaut hat, hat er bei Wim Wenders und Peter Handke geklaut, bei deren „Der Himmel über Berlin“ er sich auch reichlich und reichlich feige bedient. Do werd’s jo hint‘ höher wia vorn!
Regisseur David Dietl, der uns vor einigen Jahren schon mit „Rate Your Date“ eine Parade egoistischer Armleuchter in Berlin vorgeführt hat, ist genau der richtige Regisseur für dieses Drehbuch. Wo sein Vater Helmut in „Münchner Geschichten“ und vor allem „Monaco Franze“ das Charmante im Schmierigen finden und für „Kir Royal“ eine Münchner Szene erfinden konnte, die es so damals gar nicht gegeben hat (und die man seither in München zu schaffen versucht), begnügt sich der Nachwuchs damit, das „altmodisch bis provinzielle“ Drehbuch weitgehend uninspiriert und natürlich ebenso „altmodisch bis provinziell“ eins zu eins in Szene zu setzen.
Wie in einem von der Stadt München in Auftrag gegebenen Imagefilm klappert Dietl der Reihe nach die weithin bekannten Sehenswürdigkeiten ab. Bereits die fünfte oder sechste Einstellung des Films zeigt die Surfer auf der Eisbachwelle, gefolgt von den Nackerten im Englischen Garten. Ein dummdreister Hundediebstahl findet dann natürlich am Viktualienmarkt statt und so weiter und so provinziell.
Sacklzementhahleluja!
An, in und vor all diesen Sehenswürdigkeiten werden klassische Standardsituationen der Filmklamotte in Szene gesetzt. Es gibt einen gehörnten Gatten, jemand wird im unteren Teil eines Servierwagens aus einem Hotelzimmer geschmuggelt, ein ungeschickter Polizeibeamter macht sich beim Verhör lächerlich, ein Unsichtbarer hilft beim Schummeln und so weiter und so altmodisch. Da passt es auch sehr gut, sich über „veganes Manna auf Sojabasis“ und Yoga zu mokieren.
Dabei wirkt das alles weder lustig, noch unterhaltsam und auch noch nicht einmal durchgehend bayrisch. Weil man natürlich Filmförderungsmittel aus dem gesamten deutschen Sprachraum abgreifen wollte, mussten einige Rollen mit österreichischen Schauspielern besetzt werden und das hört man ebenso wie man sieht, welche Szenen nicht in München sondern ganz offensichtlich in Österreich gedreht wurden.
Wenig bayerisch klingen auch einige der doch eigentlich bayerischen Darsteller*innen. Stars wie Maximilian Brückner oder Hannah Herzsprung haben wohl in so vielen öffentlich rechtlichen Fernsehkrimis mitgespielt, dass sie gar nicht mehr anders können als im Dialog immer wieder zum Beispiel „verrückt“ zu sagen, statt vielleicht „varruckt“ oder am Ende gar „narrisch“. Und dem in Los Angeles geborenen Regisseur mochten solche Missklänge auch nicht auffallen.
Dietls Inszenierung wirkt an vielen Stellen leider nicht nur „altmodisch bis provinziell“ sondern auch arg ökonomisch. In einem Film, in dem die Hauptfigur Musiker ist, hören wir nur wenig Musik. Über ein für die Handlung im höchsten Maße relevantes Benefizkonzert wird nur vor und nach dem Konzert im Dialog gesprochen. Zu sehen oder – Gott behüte – zu hören ist von diesem wichtigen Konzert leider nichts.
In einem solchen Film gibt es für echte Schauspieler*innen nichts zu gewinnen. Hannah Herzsprung („Der Boandlkramer und die ewige Liebe“) spielt ebenso sympathisch wie ihre Filmtochter Momo Beier („Die Drei ??? – Toteninsel“), auch wenn diese ein wenig zu alt für ihre Rolle wirkt. Heiner Lauterbach („Enkel für Anfänger“) ist ein Vollprofi und liefert ab wie man es von einem Vollprofi erwarten darf. Robert Palfrader macht, was er in Deutsch/Österreichischen Coproduktionen immer macht, nämlich sich zum Deppen. Maximilian Brückner gelingt es nicht, gegen seine unsympathisch geschriebene Rolle anzuspielen. Und aus irgendeinem Grund darf auch noch Ina Müller in diesem Film mitspielen. Auf des kimmts jetzt a nimmer o.
Fazit
Fans der „schönsten Stadt der Welt“ werden sich diesen Film ohnehin ansehen. Alle anderen können es getrost bleiben lassen. Mein herzlicher Dank gilt allen Filmfans, die diese Rezension trotzdem bis zum Schluss gelesen haben. Pfiat Euch Gott!