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Kritik: Dust Bunny

 
sub kritik
 
Autor: Walter Hummer
 
In “Dust Bunny” entdeckt ein kleines Mädchen ein Monster unter ihrem Bett. Aber auch für uns Filmfans gibt es etwas zu entdecken …
 
Monsters aren’t real
 
Die kleine Aurora hat Angst vor dem Monster unter ihrem Bett. Diese Angst erweist sich auch als berechtigt, nachdem das Monster Auroras Eltern getötet hat. Zum Glück hat Aurora den neuen Nachbarn aus Wohnung 5B dabei beobachten können, wie er seinerseits in einer dunklen Gasse einen gigantischen Drachen getötet hat. Also beauftragt Aurora den Nachbarn aus 5B mit der Tötung des Monsters unter ihrem Bett. Aber ganz so einfach ist das alles nicht …
 
Frage an unsere Leser*innen: Macht Ihr gerne neue Entdeckungen? Entdeckt Ihr gerne irgendetwas? Ich meine keine Kontinente, Himmelskörper oder dergleichen. Nein, diese ganz perönlichen Entdeckungen müssen gar nichts Großes sein. Ich gebe mal ein paar Beispiele: Als junger Mann habe ich die Bücher von Andrew Vachss für mich entdeckt. Das Faszinierende an diesen Büchern ist, kaum jemand kennt sie, dabei sind sie mit rein gar nichts anderem in der Welt der Literatur vergleichbar. Vachss, ein Rechtsanwalt der ausschließlich Kinder vertrat, die Opfer von und Misshandlung oder Missbrauch waren, schrieb nebenbei Bücher, die randvoll mit tiefen profunden Wahrheiten über die Menschen und das Leben waren, aber ebenso randvoll auch mit brutalen Gewalt- und Rachefantasien und merkwürdigen, übersexualisierten Frauenfiguren.
 
Andere meiner Entdeckungen reichen von Kleinigkeiten, wie Eistee mit Quittengeschmack, den ich mal in Breslau getrunken habe (eines der unerwartet geilsten Getränke der Welt), über den Comer See (eine der schönsten Gegenden der Welt, Drehort von „Casino Royale“ und „Star Wars: Episode II“ und ungleich eleganter und malerischer als der Garda See) bis zu einer langen, langen Reihe von unterschätzten und zu Unrecht viel zu wenig bekannten Filmen wie „Ride the High Country“, „Vanishing Point“, „The Big Easy“, „The Guard“ und so weiter und so fort, die ich in unterschiedlichen Abständen und mit unterschiedlichem Erfolg meiner Frau vorführe.
 
 
Vor einigen Jahren habe ich eine Entdeckung im Fernsehen gemacht. In einer Zeit, als die weitaus meisten von uns einfach nur anschauen konnten, was die Fernsehsender uns vorsetzten (die jungen Leute wissen ja gar nicht wie gut sie es haben), lief auf einem dieser Sender die Serie „Pushing Daisies“. In einer Zeit, als praktisch jede Woche drei neue Serien anliefen, war „Pushing Daisies“ eine ganz besondere Entdeckung. Intelligent, witzig, skurril und romantisch, hat sich die Serie weiten Teilen des Publikums (und sämtlichen Entscheidungsträgern bei der geldgebenden Fernsehanstalt) wohl nicht recht erschließen können und wurde nach 2 Staffeln (!) und gerade mal 22 Folgen (!!) abgesetzt.
 
Brian Fuller, der hauptverantwortliche Drehbuchautor und Produzent der Serie sollte mit wechselhaftem Erfolg im Fernsehen aktiv und kreativ bleiben. Seine geplante Serie „Mockingbird Lane“, ein Remake von „The Munsters“, wurde gleich nach dem Pilotfilm wieder eingestellt. Aber die Serie „Hannibal“, mit Mads Mikkelsen als junger Hannibal Lecter, war ein voller Erfolg. „Star Trek: Discovery“ war ein Erfolg bei der Kritik, die „Trekkies“ allerdings waren nicht alle ganz so begeistert.
 
Und nun gibt es für Freunde des Besonderen Fullers ersten Kinofilm zu entdecken. Fuller hat hier nach eigenem Drehbuch ein bezaubernde, coole, wunderschöne, märchenhafte Geschichte über Kindheitstraumata inszeniert, die ganz nebenbei auch noch eine witzige Actionkomödie ist. Wie herrlich dieser Film auf verschiedenen Ebenen funktioniert, wird oft erst nach einigen Augenblicken des Nachdenkens klar. Wenn die kleine Aurora erklärt, „I kill Monsters“, dann ist das vielleicht in einem schrecklichen konkreten Sinne zu verstehen. Gleichzeitig erfahren wir durch diese Aussage auch, wie man Traumata ihre Wirkung nur entziehen kann, indem man aufhört Opfer zu sein.
 
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Told you so
 
Aber dieser erfrischend dialogarme Film (während der ersten 30 Minuten wird fast gar nicht gesprochen und auch während der restlichen 70 Minuten nur wenn nötig), will uns, anders als viele andere aktuelle Filme, seine Geschichte nicht einfach aufdringlich erzählen. Dieser Film zeigt uns seine Geschichte. Brian Fuller lädt uns ein, aufmerksam zuzusehen. Wenn die kleine Aurora sich unter einem Mülleimer versteckt und – anders als Hunderte Filmheldinnen vor ihr – beim Auftauchen von Ratten nicht hysterisch loskreischt, sondern ganz anders reagiert, kann der aufmerksame Betrachter schnell erkennen, es braucht mehr als ein paar Ratten, um dieses Mädchen zu erschrecken. Dieses Mädchen hat schon anderes erlebt.
 
Wie schon „Pushing Daisies“ hat auch „Dust Bunny“ nicht nur eine originelle Grundidee und eine schaurig-traurige Geschichte zu bieten. Der Film besticht auch durch seine visuelle Gestaltung einer Welt, die vertraut wirkt, aber doch nicht unsere zu sein scheint. Production Designer Jeremy Reed („Hard Candy“) und sein Team schaffen mit Bauten, Ausstattung und CGI eine Realität, die ein paar Meter link von unserer zu liegen scheint. Die Kostüme von Catherine Leterrier (Oscar-Nominierung für “Coco Before Chanel“) wirken wahlweise zauberhaft oder cool. Kamerafrau Nicole Hirsch Walker hat bereits bei „One Piece“ Erfahrung darin gesammelt, Bilder ungewöhnlicher Welten einzufangen.
 
„Dust Bunny“ ist nicht perfekt. Der Film hat Längen im letzten Drittel. Und in diesem Abschnitt tummeln sich dann auch ein oder zwei Protagonisten zu viel auf der Leinwand. Die Entscheidung, Sigourney Weavers wunderschönes Gesicht vom Computer glätten zu lassen, ist überhaupt nicht nachvollziehbar. Zum einen beraubt man dieses Gesicht seiner Erfahrung, seiner Weisheit und eines Teils seines Ausdrucks. Zum anderen ergibt das alles innerhalb der Geschichte auch gar keinen Sinn. Vielleicht dachte Bryan Fuller, nach James Cameron müsste nun auch er uns Weavers echtes Gesicht vorenthalten.
 
Aber die computergenerierten Effekte gegen die Sigourney Weaver nicht anspielen kann, müssen erst noch erfunden werden. Die Heldin der „Alien“-Reihe tut hier, was sie im Lauf der letzten zwanzig Jahre in so unterschiedlichen Filmen wie „Paul – Ein Alien auf der Flucht“, „Cedar Rapids“ oder „Call Jane“ immer wieder hervorragend getan hat und brilliert auch hier wieder in einer wichtigen Nebenrolle.
 
Mads Mikkelsen ist einer der besten Schauspieler unserer Zeit. Wenn er nicht gerade schwierige Dramen wie „Die Jagd“ oder „Der Rausch“ in Meisterwerke verwandelt, wertet er Blockbuster wie „Casino Royale“, „Rogue One“ oder „Indiana Jones und die saublöde Zeitreise“ durch seine Mitwirkung auf. Hier kann er zum ersten Mal seine z.B. in „Polar“ gezeigten Qualitäten als Actionheld und seine grandios subtile Darstellungskunst kombinieren und überzeugt in jeder Minute des Films als Nachbar/Monsterjäger/Killer/Vater wider Willen.
 
Der Star dieses Films ist aber die junge Sophie Sloan. Sie spielt die schwierige Rolle eines Kindes, das mehr gesehen hat (und wohl auch mehr getan hat) als ein Kind seines Alters gesehen (und getan) haben sollte, mit einer zauberhaften Ernsthaftigkeit, die diesen ganz besonderen kleinen Film erst funktionieren lässt. Ihre Leistung hier ist vergleichbar mit großen Darstellungen von Kinderschauspielern wie Anna Paquin in „Das Piano“, Natalie Portman in „Leon, der Profi“ oder Abigail Breslin in „Little Miss Sunshine“.
 
Fazit
 
Es gibt etwas ganz Besonderes zu entdecken. Den ersten Kinofilm von Bryan Fuller. Schräg, witzig, traurig, dramatisch und doch immer unterhaltsam. Am besten schnell liebe Menschen überreden, diesen Film gemeinsam anzuschauen. Filme wie „Dust Bunny“ laufen viel zu selten im Kino und wenn dann nur kurz.
 
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