Dabei hat es Mona Fastvold geschafft, einen Film über eine Predigerin zu drehen, ohne selbst je zu predigen. Fastvold will uns nicht belehren. Sie will uns mit ihrem Film etwas erfahren lassen. Die gebürtige Norwegerin hat einen Film über die Gründerin einer religiösen Bewegung gedreht, der sich Atheist*innen oder Agnostiker*innen ebenso erschließen kann, wenn sie bereit sind, die Einladung zu dieser Erfahrung anzunehmen.
Wer diese Einladung annimmt, wird reich belohnt. Wir können Ann Lees Begeisterung, ja auch Fanatismus ebenso nachvollziehen wie die Verständnislosigkeit ihres Ehemannes. Wir erfahren die Geborgenheit innerhalb der langsam wachsenden Gemeinschaft und auch die Hingabe und Liebe, die Ann Lee von dem Menschen um sie erfährt. Wir bekommen vermittelt, wie unterschiedlich schwer es den Mitgliedern der Glaubensgemeinschaft fällt, der körperlichen Liebe zu entsagen und was sie stattdessen bekommen.
Wir erfahren die Lebendigkeit der Tänze, die das wichtigste Ritual der „Shaker“-Bewegung bilden. Fastvold und Komponist Daniel Blumberg, der für die Filmmusik zu „The Brutalist“ mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, haben ihre Interpretation dieser Tänze und auch andere Szenen mit berührenden Songs unterlegt, die aus dem Film fast, aber nie ganz, auch eine Art Ausdruckstanz-Musical machen. Keines dieser Lieder wird auf dem Heimweg gepfiffen werden und ich kann mir auch nicht vorstellen, eines davon auf langen Autofahrten oder beim Kochen hören zu wollen. Aber innerhalb des Films funktionieren sie alle ganz hervorragend und tragen zu einer wunderbar friedlichen und lebensbejahenden Stimmung bei.
Fastvold empfiehlt sich in absolut jeder Hinsicht als sensible Filmemacherin, die ihre originellen Ideen kompetent umsetzen kann. Obwohl das Ende des Films und auch jede Wendung der Handlung absolut absehbar ist, wirkt der Film nie vorhersehbar. Sicher ist „The Testament of Ann Lee“ nicht im herkömmlichen Sinne des Wortes „spannend“. Aber der Film bleibt 130 Minuten lang fast immer interessant und weist nicht annähernd die Längen auf, die man während der 215 Minuten von „The Brutalist“ zu ertragen hatte (und ich verzichte an dieser Stelle auf naheliegende Scherze, wonach der weiblichen Regisseurin Länge wohl nicht so wichtig war wie dem Mann oder darüber, dass sie wohl nichts mit Überlänge zu kompensieren hatte und dergleichen. Mach ich nicht. Lass ich bleiben. Ich denke stattdessen darüber nach, warum meine Rezensionen immer so viel länger ausfallen, als die meiner Kolleginnen).
… the promise of a Second Coming as a woman
Mona Fastvold hat für ihren Film eine großartige Besetzung um sich geschart, aus der sie sehr gute und teilweise überraschende Leistungen herausgeholt hat. Das beginnt bei zwei zauberhaften jungen Damen namens Esmee Hewett und Millie-Rose Grossley, die Ann Lee in ihrer Kindheit und Jugend darstellen und bereits früh die sanfte innere Kraft der Hauptfigur vermitteln, geht weiter über den stets verlässlichen Tim Blake Nelson („Captain America: Brave New World“) und hört bei einer überaus interessanten Darstellung von Lewis Pullman („Thunderbolts*“) längst nicht auf.
Wer „Jojo Rabbitt“ gesehen hat und sich nicht in Thomasin McKenzie verliebt hat, wird sich in diesem Leben nicht mehr verlieben können. Die damals noch junge Darstellerin war das Beste an diesem ungewöhnlichen, immer noch großartigen Film von 2020. Seither hat sie in unterschiedlichen Projekten stets interessante Leistungen gezeigt. Alleine ihre Darstellung der Titelfigur im leider kaum beachteten „Eileen“ empfiehlt die junge Neuseeländerin als kommende große Charakterschauspielerin. In „The Testament of Ann Lee” dient sie dem Publikum in der Rolle einer langjährigen Vertrauten der Heldin als wichtige Identifikationsfigur.
Vollständige Offenlegung: Seit Jahren beklage ich hier auf cinepreview.de den Einsatz von „Voice Over“ in Spielfilmen. Immer wieder erläutere ich, Regisseure, die ihre Handlung von einer der Figuren aus dem „off“ erklären lassen, verdeutlichen damit nur ihre Unfähigkeit, Film als visuelles Medium zum Erzählen einer Geschichte zu begreifen. Und nun lässt Mona Fastvold die Handlung ihres Films immer wieder von Thomasin McKenzie erzählen und ich habe überhaupt kein Problem damit. Der „Voice Over“ ist absolut stimmig und passt ganz wunderbar in diesen Film. Keine Ahnung, ob es an Fastvolds Können als Regisseurin liegt oder an McKenzies Können als Erzählerin. Vermutlich an beidem. Fest steht, in der Kunst kann man alles machen.
Man muss es nur gut und richtig machen. Das führt mich zur großen Überraschung des Films. Bisher habe ich Amanda Seyfried in Filmen von „Girls Club“ über „Ted“ bis zu „Enzo und die wundersame Welt der Menschen“ immer als passable aber nicht überragende Schauspielerin wahrgenommen. Als Sängerin war sie das zweitschlimmste in „Mamma Mia!“ (nach Pierce Bosnan, der klingt als hätte man ihn in die Eier getreten und er würde versuchen, gegen den Schmerz anzusingen) und dann nochmal das zweitschlimmste in „Les Misérables“ (nach Russel Crowe, der klingt als hätte man ihm kürzlich einen Lungenflügel entnommen und dabei versehentlich auch seinen Sinn für Timing und Tempo entfernt).
„The Testament of Ann Lee” ist Amandas Seyfrieds Triumph. Sie vermittelt die Askese und die Leidenschaft ihrer Figur ebenso wie ihre sanfte Autorität. Dabei vermeidet sie Pathos und übertriebene Dramatik. Seyfrieds Spiel zielt nicht auf Effekt ab. Die Schauspielerin vermittelt alles aus dem tiefsten Inneren ihrer Figur.
Amanda Seyfried ist sicher noch immer keine wirklich große Sängerin. Aber sie singt in diesem Film mit einer Leidenschaft und einer Kraft, die perfekt zu ihrer Figur und zur Musik passt. Sie leistet damit den wichtigsten Beitrag zu dem großartigen Zusammenspiel aus Musik, Geschichte und Bildern, das dieser Film darstellt. Wenn wir hier im wahrsten Sinne des Wortes „ganz großes Kino“ sehen, dann auch vor allem wegen Amanda Seyfried.