Chris Pratt mal nicht im Actionmodus, sondern als Kämpfer in der digitalen Welt.
„Minority Report“ trifft „Auf der Flucht“
In den „Guardians of the Galaxay“-Filmen saust er mit einer Außenseitergang durchs All, in der „Jurassic World“-Reihe nimmt er es mit gefährlichen Sauriern auf, und in der Streaming-Serie „The Terminal List - Die Abschussliste“ geht er als traumatisierter Navy SEAL gegen eine weitreichende Verschwörung vor. Immer wieder bringt sich US-Darsteller Chris Pratt als zupackender Actionheld in Stellung. Umso amüsanter, dass er im futuristischen Crimethriller „Mercy“ nun mit seinem Leinwandimage bricht. Statt die Ärmel hochzukrempeln und rambomäßig aufzuräumen, muss er sich in seiner neuen Rolle durch die digitale Welt kämpfen.
Der von Timur Bekmambetow („Ben Hur“) inszenierte und von Marco van Belle geschriebene Reißer mit Scifi-Touch spielt im Los Angeles des Jahres 2029. Da die Metropole an der Pazifikküste von Kriminalität erdrückt wurde, installierten die Behörden vor einiger Zeit ein KI-gesteuertes Justizprogramm namens Mercy, das mit seiner tödlichen Präzision für Abschreckung sorgen soll.
17 Verbrecher wurden bislang exekutiert, und Nummer 18 steht schon in den Startlöchern. Ironischerweise handelt es sich dabei ausgerechnet um den LAPD-Detective Chris Raven (Pratt), einen der Befürworter und Wegbereiter des neuen Systems. Ähnlichkeiten mit Steven Spielbergs Zukunftskrimi „Minority Report“ von 2002, in dem Tom Cruise als Gesetzeshüter beinahe einer fortschrittlichen Methode in der Verbrechensbekämpfung zum Opfer fällt, lassen sich nicht von der Hand weisen.
Erinnerungen weckt „Mercy“ aber auch an den Thriller-Klassiker „Auf der Flucht“ (1993), der Harrison Ford in der Rolle eines fälschlicherweise unter Mordverdacht stehenden Arztes ins Schwitzen bringt. Ebenso wie der Mediziner wird Raven beschuldigt, seine Ehefrau Nicole (Annabelle Wallis) getötet zu haben. Der Unterschied: Während Fords Dr. Richard Kimble aus dem Polizeigewahrsam ausbrechen kann und in der „echten“ Welt nach dem wahren Täter sucht, findet sich der Polizist in der Mercy-Zentrale wieder, wo er sich, an einen Hightech-Stuhl gefesselt, mit der KI-Richterin Maddox (Rebecca Ferguson) auseinandersetzen muss.
Wie alle anderen mutmaßlichen Kriminellen, die vor ihr landen, hat auch Raven 90 Minuten Zeit, um seine Unschuld zu beweisen bzw. die Schuldwahrscheinlichkeit unter die 92-Prozent-Marke zu drücken. Denn dann, so führt Maddox aus, bestünden ausreichend begründete Zweifel, die einen Freispruch ermöglichen. Gelingt dies innerhalb des gesteckten Zeitrahmens hingegen nicht, wird umgehend das Todesurteil vollstreckt. Zurückgreifen kann der Protagonist dank der Richterin bei seinen Nachforschungen auf die komplette kommunale Cloud, also alle digitalen Daten und Aufnahmen aus dem Raum Los Angeles.
Von digitalen Bildern umgeben
Vor allem als Produzent hat sich Timur Bekmambetow auf der Spielwiese des sogenannten Desktop-Thrillers ausgetobt. Gemeint sind damit Filme wie „Unknown User“ (2014) oder „Searching“ (2018), die ihre Geschichten fast ausschließlich über Monitore, Bildschirme, Smartphones erzählen und auf diese Weise die Omnipräsenz medialer Oberflächen spiegeln. Genau dieses Konzept kommt auch in „Mercy“ zum Einsatz.
Raven hockt auf seinem Stuhl und ruft auf einem Screen jene digital vorliegenden Informationen auf, die er gerade für seine Ermittlungen benötigt. Mitunter werden Aufnahmen in den Raum projiziert, sodass es den Anschein hat, als würde die Hauptfigur mitten im Geschehen sitzen. Von Videoanrufen über starre Überwachungsaufzeichnungen bis hin zu wackeligen Kamerabildern von Ravens Kollegin Diallo (Kali Reis), die einen Verdächtigen verfolgt, ist alles dabei. Sprich: Optisch präsentiert sich der Film durchaus abwechslungsreich. Große Verschnaufpausen gibt es nicht. Ständig treibt Bekmambetow die Handlung in seiner dynamischen Inszenierung voran, während das 90-Minuten-Zeitfenster in Echtzeit verstreicht.
Dass Pratts Detective unschuldig vor Gericht steht, ist von Anfang klar. Interessant ist allerdings seine Zeichnung. Aus den digitalen Schnipseln kristallisiert sich nämlich das Bild eines zu Wutausbrüchen neigenden, seine Ehefrau und Tochter vernachlässigenden, dem Alkohol verfallenen Mannes heraus. Kein strahlender Held, sondern eine Figur mit Brüchen und Ambivalenzen. Ärgerlicherweise werden diese in der plumpen Schlusswendung aber fast komplett plattgewalzt. Irgendwie fühlen sich die Macher dann doch gezwungen, Ravens Charakter aufzupolieren.
Was noch mehr nervt: Nirgendwo spürt man echtes Interesse, das titelgebende Justizsystem und seine Gefahren für die Demokratie (Stichwort: Überwachungsstaat!) genauer zu beleuchten. Noch dazu springt „Mercy“ mit dem Thema „Künstliche Intelligenz“ enttäuschend beliebig um. Zwei Beispiele: Ausgerechnet bei Raven entwickelt Maddox plötzlich eine Art Gewissen. Und zudem stellt man sich irgendwann die Frage, warum die heute schon unglaublichen Möglichkeiten in der Bildmanipulation durch KI nie richtig zur Sprache kommen.
Gefakten Aufnahmen, die als Beweise dienen, stünden Beschuldigte wie Chris Raven völlig hilflos gegenüber. Dass derartige Gedanken keine Rolle spielen, ist nur eines von diversen Logiklöchern (etwa auch: Warum sind Angeklagte an den Stuhl gebunden? Was passiert mit dem Countdown, wenn wichtige Zeugen telefonisch nicht erreichbar sind?), die am hier entworfenen Near-Future-Szenario kratzen.
Fazit
Zackig inszeniertes Thriller-Fast-Food mit Logiklöchern und einem billigen Erzählmanöver auf den letzten Metern.