Es ist ein durchaus schöner Film, den Oliver Hermanus mit THE HISTORY OF SOUND abgeliefert hat, aber nicht unbedingt einer, der besonders leicht anzusehen wäre. Denn in erster Linie ist dies ein langsamer, fast schon meditativer Film, der von einer großen, ja sogar einer tragischen Liebe erzählt, und das über die Jahrzehnte hinweg.
Auf der Suche nach den Volksliedern
1917: Lionel und David lernen sich in einer Bar kennen. Was sie eint: Ihr Interesse für alte Volkslieder, die abseits ihrer spezifischen Regionen fast nicht bekannt sind. Und: ihr Interesse füreinander. Die Wege der beiden trennen sich, als David in den Krieg zieht, als er zurückkehrt, lädt er Lionel dazu ein, ihn quer durchs Land zu begleiten, um diese Volkslieder zu finden, sie aufzunehmen und zu bewahren. Aber nach dieser Reise trennen sich ihre Wege.
Lionel verschlägt es nach Italien, seine Faszination und Passion für die alten Lieder verlässt ihn aber nie. Als er nach David sucht, erwartet ihn jedoch eine böse Überraschung.
Der Film erzählt von einer Liebe, die damals nur im Geheimen stattfinden konnte. Er lebt von Paul Mescal und Josh O’Connor, die eine tolle Chemie miteinander haben. Es sind die leisen, die unausgesprochenen Momente zwischen beiden, die am meisten nachwirken. Zugleich ist dies ein Film, der längst nicht alles haarklein erzählt. Er arbeitet mit Auslassungen. Momenten, die es geben müsste, die aber nicht kamen, weswegen der Zuschauer hier selbst aktiv werden muss. Es liegt am Publikum, die Lücken zu schließen. Das mag nicht jedermann gefallen, ist aber ein interessanter Ansatz. Weil er auch das Leben imitiert: Wer weiß schon wirklich, was in jedem Moment im Leben anderer vor sich geht?
In seinen schönsten Momenten erinnert THE HISTORY OF SOUND an BROKEBACK MOUNTAIN, anders als dieser ist die Emotion hier aber nicht vollmundig dargeboten, sondern versteckt sich. Weil es eine andere Zeit ist, weil die Figuren sehr wohl darum wissen, was ihnen passiert, wenn sie sich öffentlich zueinander bekennen. Weil das Leben ihnen keine andere Wahl lässt. Das kann die Romanverfilmung sehr gut transportieren.
Unglaublich langsam
Dennoch ist THE HISTORY OF SOUND herausfordernd. Denn der 129 Minuten lange Film ist sehr langsam erzählt. Dabei sind die Bilder schön, die Texte sind es auch, schon die ersten gesprochenen Worte des Films ziehen in den Bann. Aber dann muss man sich auf diese sehr spezielle Erzählweise einlassen. Gelingt das nicht, wird man in diesem Film vermutlich einen der größten Langweiler des Jahres sehen.
Allen anderen präsentiert sich eine tragische Liebesgeschichte, weil nicht sein kann, was nicht sein darf, und weil die Figuren entsprechend handeln. Es gibt zwei Zeitsprünge, einen ins Rom des Jahres 1923, einen noch weiter, als Lionel ein alter Mann ist. Beide sind wichtig, der eine, weil er über die Unbill des Lebens aufklärt, der andere, weil er zeigt, dass manche Liebe die Zeit überdauert, selbst wenn sie nie erfüllt sein kann.
Fazit
THE HISTORY OF SOUND ist ein technisch sehr schön gemachter Film. Die Bilder verzaubern, ebenso wie die beiden Hauptdarsteller. Im Kern des Films geht es nicht um den Ton der Lieder, die die beiden Männer finden, retten und bewahren, es geht vielmehr um den Ton ihrer Liebe, der leise und unscheinbar erscheint, aber so immens stark ist.
Kein leichter Film, schon gar keiner, der ein großes Publikum anlocken wird. Man könnte sagen, dies ist eine Art von BROKEBACK MOUNTAIN, aber so, wenn der Film durch die Arthaus-Linse betrachtet werden würde. Sehenswert, aber eben nichts für jedermann. Eine Perle für die einen, eine Geduldsprobe für die anderen.