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Kritik: Der Astronaut - Project Hail Mary

 
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Autor: Walter Hummer
 
Die beiden erfolgreichen Regisseure Phil Lord und Chris Miller haben nach Hits wie „21 Jump Street“ und „The LEGO Movie“ nun ihren ersten Science-Fiction-Blockbuster ins Kino gebracht. Und dabei war ihnen eines ganz besonders wichtig …
 
Was macht ein Schullehrer im All?
 
Aus der Einladung zur Pressevorführung: „Der Naturwissenschaftslehrer Ryland Grace (Ryan Gosling) wacht eines Tages auf einem Raumschiff auf – Lichtjahre von zu Hause entfernt und ohne Erinnerung daran, wer er ist oder wie er dorthin gekommen ist. Als sein Gedächtnis nach und nach zurückkehrt, findet er heraus, was seine Mission ist: Er soll das Rätsel um eine mysteriöse Substanz lösen, die dazu führt, dass die Sonne erlischt. (Dazu …) muss er auf sein wissenschaftliches Fachwissen und einige unorthodoxe Ideen zurückgreifen. Dabei führt eine unerwartete Freundschaft dazu, dass er all dies vielleicht nicht ganz allein tun muss…
 
Mit „Project Hail Mary” wurde nun, nach „Der Marsianer“, ein weiterer Roman von Beststeller-Autor Andy Weir verfilmt. Nachdem das klargestellt ist, können wir für den Rest dieser Rezension und aller Tage auf den doofen deutschen Zusatztitel „Der Astronaut“ verzichten, der ohnehin nur dazu da war, die Leute an „Der Marsianer“ zu erinnern. Wer nun, wie ebenfalls vom deutschen Verleih suggeriert, ernsthafte Science-Fiction im Stil von „Arrival“ und „Interstellar“ erwartet, könnte leicht enttäuscht werden.
 
Und das wäre wirklich schade, denn „Project Hail Mary” ist ein hochwertig produzierter, sehr unterhaltsamer Science-Fiction-Film. Aber wo „Arrival“ tiefgründige philosophische Fragen gestellt und „Interstellar“ familiäre Krisen vor dem Hintergrund von verzweifelten Reisen durch und Raum und Zeit präsentiert haben, will „Project Hail Mary” vor allem Spaß machen.
 
 
Dieser Film sollte nicht nur dem Publikum Spaß machen, sondern auch seinen Machern. Das fängt schon bei der Vorlage an. Hat Andy Weir den Science-Anteil von „Der Marsianer“ noch einfach nur in Richtung Fiction gebogen (die Atmosphäre des Mars ist einfach viel zu dünn für Stürme wie den, der die Handlung seines Erstlings in Gang setzt), so hat er es sich in seinem bislang letzten Buch schon sehr leicht gemacht. Immerhin ist seine „mysteriöse Substanz“ ebenso Ursache des Problems, wie Mittel zur Lösungsfindung, wenn sie als Energiequelle für mit beinahe Lichtgeschwindigkeit reisende Raumschiffe dient. So einfach kann es gehen, wenn der Autor seine durchaus originelle und unterhaltsame Handlung vorantreiben will. Drehbuchautor Drew Goddard, der auch bereits „Der Marsianer“ für die Leinwand adaptiert hat, ist kein Spaßverderber und hält sich eng an die Vorlage.
 
Auch die beiden Regisseure Phil Lord und Chris Miller wollten Spaß haben und gleichzeitig für Spaß sorgen. Das haben sie sich auch redlich verdient. Nachdem sie gemeinsam mit Filmen wie „Wolkig mit Aussicht auf Fleischklößchen“, „21 &22 Jump Street“ und „The LEGO Movie“ erfolgreich für Spaß gesorgt hatten, hat der mächtige Disney-Konzern die beiden vergleichsweise jungen Filmemacher vor einigen Jahren mit einen ganz besonderen Projekt betraut, der Origin-Story des coolsten Schmugglers in der gesamten Galaxis. Aber nachdem Lord und Miller „Solo: A Star Wars – Story“ schon beinahe komplett abgedreht hatten, verstand man bei Disney plötzlich gar keinen Spaß mehr, entzog den beiden das ganze Projekt und übergab es an den deutlich älteren, erfahreneren Roger Howard. Und so wurde „Solo: A Star Wars – Story“ der einzige Star Wars-Film, der kaum jemandem so richtig Spaß gemacht hat.
 
Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, was dabei schief gehen könnte.
 
Phil Lord und Chris Miller haben Vorlage und Drehbuch genau richtig eingeschätzt und gar nicht erst versucht, das nächste transzendente Science-Fiction-Meisterwerk zu drehen. Sie haben einen Film gedreht, wie er in den letzten Jahren viel zu selten im Kino läuft, einen unterhaltsamen, nicht allzu dummen Blockbuster, der allen Beteiligten Spaß macht. Natürlich ist einiges an der Story hanebüchen. Aber auch nicht hanebüchener als ein Hai, der auf ein sinkendes Boot springt, um auch noch das letzte Besatzungsmitglied zu fressen oder Weltraumritter, die mit Lichtschwertern gegen Laser-Schusswaffen kämpfen.
 
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Natürlich ist der Held zu gut um wahr zu sein und gleichzeitig ein bisschen zu doof um so brillant zu sein. Aber trifft das nicht auch auf ein Team aus erfahrenem Hai-Jäger, Meeresbiologen und Polizeichef zu, die eine Bootsfahrt nur mit viel Glück zu zwei Dritteln überleben? Oder auf einen weisen Ritter, der den Sohn seines alten Freundes ausgerechnet auf dessen Heimatplaneten vor ihm versteckt?
 
Lord und Miller machen alles richtig, wenn sie uns das Raumschiff und das All aus der Sicht des Helden erstmal gar nicht beeindruckend sondern nur bedrohlich erfahren lassen. Sie machen alles richtig, wenn sie uns ein fremdes Schiff gleichzeitig fremdartig und doch beeindruckend präsentieren. Und sie machen alles richtig, wenn sie aus dem „unerwarteten Freund“ keinen bloßen Sidekick machen, sondern ihn der Reihe nach als vernunftbegabtes Wesen, dann als Wissenschaftler und schließlich als echten Helden agieren lassen. Und sie machen alles richtig, wenn sie bei all dem, den Humor nie zu kurz kommen lassen.
 
Für den Spaß sorgt hier vor allem der Wortwitz des Drehbuchs. Den hört man zunächst in den Selbstgesprächen des einsamen Astronauten, in einer Doppel-Grabrede über zwei für ihn Unbekannte, die ebenso berührend wie witzig ausfällt und dann im Dialog mit dem neuen Freund, der in einer Krise tatsächlich „aufmunternden Worte“ liefert. Der Wortwitz des Films ist manchmal subtiler als mancher Filmfan beim ersten Mal wahrnehmen mag. Den Zeitraum, den der Astronaut mit dem Namen Grace alleine im Raumschiff mit dem Namen „Hail Mary“ verbringt, könnte man leicht als „Hail Mary, full of Grace“ beschreiben.
 
Ebendieser Wortwitz wird oft mit präzisem Comedy-Timing geliefert. Das trifft auch auf die in Rückblenden erzählte Vorgeschichte zum einsamen Raumflug des Helden zu. Schade, dass ebendieser Sinn für Timing die beiden Regisseure nicht erkennen ließ, dass ihr Film leider als Ganzes ein gutes Stück zu lang ausfällt. Es gibt kaum eine Sequenz im Film, die nicht besser um ungefähr 20% gekürzt worden wäre. Vom Einkauf von Utensilien, über die wissenschaftlichen Experimente und langen Dialogszenen bis zu den ohnehin teilweise etwas unübersichtlichen Actionszenen, hätte jede einzelne Sequenz von einem rigoroseren Schnitt nur profitiert.
 
Wenn „Project Hail Mary“ trotzdem funktioniert liegt das auch an seinen Figuren und ihren Darstellern. Fans der Serie „The Bear“ kennen Lionel Boyce. Hier verkörpert er einen sanften Riesen, der für zwei der besten Gags des Films sorgen darf. Sandra Hüller („Anatomie eines Falls“) spielt die Leiterin des Projekts zur Rettung des Sonnensystems hart an der Grenze eines recht altmodischen Klischees entlang, bleibt aber stets auf der richtigen Seite dieser Grenze.
 
Der zweite Hauptdarsteller des Films ist der bereits erwähnte „unerwartete Freund“. Wie es die Tricktechniker geschafft haben einen Stein so zu beleben, dass das Publikum sowohl seine Intelligenz als auch seine Emotionen vermittelt bekommen, ist bemerkenswert.
 
Der Star des Films ist natürlich Ryan Gosling. Wie er es mit viel Witz schafft, seine Figur gleichzeitig hochintelligent und komplett unbedarft durch die Handlung stolpern zu lassen und dabei stets überfordert und doch irgendwie cool zu wirken, erinnert an grandiose Leistungen von Altmeister Cary Grant in Filmen wie „Leoparden küsst man nicht“ oder „Der unsichtbare Dritte“. Wenn „Project Hail Mary“ jede Menge Spaß macht, dann auch wegen Ryan Gosling.
 
Fazit
 
Den Machern von „Project Hail Mary“ war vor allem eines wichtig: der Film sollte Spaß machen. Mit einem kompetenten Team vor und hinter der Kamera haben sie ihr Ziel mit großem Erfolg erreicht.
 
 
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