Supermans Cousine hat eigentlich keinen Bock aufs Heldenspiel, macht sich dann aber doch auf die Suche nach einem bösen Buben.
Krypto in Not
Auch der Marvel-Motor stottert seit geraumer Zeit. Waren die Superheldenverfilmungen lange eine sichere Bank, ließen sich mit ihnen die Massen stets aufs Neue begeistern, herrscht aktuell nicht mehr die allergrößte Euphorie. Konkurrent DC, der dem Erfolg des Marvel Cinematic Universe (MCU) mit einem eigenen Leinwandgroßprojekt nachzueifern versuchte, hatte schon vorher Probleme, seinen Erzählkosmos überzeugend aufzuziehen. Mit der Installation von James Gunn und Peter Safran als neue kreative Köpfe der DC Studios kam es schließlich zu einem Einschnitt und der Entscheidung, der Reihe eine Neuausrichtung samt frischer Darstellergesichter zu verpassen.
Offizieller Startschuss war die Veröffentlichung des Scifi-Blockbusters „Superman“ im Sommer 2025 (inoffiziell läutete bereits die Animationsserie „Creature Commandos“ das Reboot ein), den viele Kritiker erstaunlich wohlwollend bewerteten. Tatsächlich wirkte der von Gunn geschriebene und inszenierte Film allerdings weniger wie der Aufbruch in eine bessere Zukunft, sondern präsentierte sich als enttäuschend unausgegorenes Spektakel. Dessen Highlight – der mit übernatürlichen Fähigkeiten gesegnete Hund Krypto – taucht nun auch im zweiten frischen DC-Beitrag auf, wird dort aber schnell an den Rand gedrängt. Leider, muss man rückblickend wohl sagen.
Nachdem im Vorgänger die Ursprungsgeschichte von Kar-El alias Clark Kent alias Superman (David Corenswet) im Zentrum stand, dreht sich dieses Mal alles um seine Cousine Kara Zor-El alias Supergirl (Milly Alcock). Eine junge Außerirdische, die, anders als ihr berühmter Verwandter, keine Lust verspürt, sich heldenhaft in den Dienst der Menschheit zu stellen. Auf der Erde, wohin sie von ihren Eltern einst entsendet wurde, fühlt sie sich seltsam fremd – und nutzt daher jede Gelegenheit, mit ihrem Raumschiff durch die Galaxie zu düsen, einfach in den Tag hineinzuleben.
Auch rund um ihren 23. Geburtstag weist Kara jegliche Verantwortung von sich, zieht trinkend und verkatert von einem Planeten zum nächsten – ihren geliebten Krypto (auf den Superman im ersten Film aufpassen musste) im Schlepptau. Alles ändert sich jedoch, als sie der 13-jährigen Ruthye Marye Knoll (Eve Ridley) begegnet, die sich an dem Weltraumpiraten Krem (Matthias Schoenaerts) für den Mord an ihren Eltern rächen will. Zunächst verweigert Kara jede Hilfe. Dann aber schießt der Fiesling einen Giftpfeil auf Krypto, der den Vierbeiner in 72 Stunden töten wird. Das Gegenmittel muss die Superman-Cousine Krem folglich so schnell wie möglich abluchsen.
„True Grit“ in Space
Möchte man „Supergirl“ auf eine griffige Kurzformel bringen, lässt sich der Film als Mischung aus dem Marvel-Streifen „Guardians of the Galaxy“ (von James Gunn für Marvel inszeniert) abzüglich dessen starker Humorausprägung, dem Western „True Grit“ und der dystopischen „Mad Max“-Reihe beschreiben. Auf dem Papier eine interessante Melange! Regisseur Craig Gillespie und Drehbuchautorin Ana Nogueira setzen auf einen grimmigen Tonfall und einen Düsterlook, der hier und da stimmungsvolle Bilder abwirft. In manchen Passagen erscheint das ästhetische Konzept aber auch etwas monoton und erschwert den Durchblick, wenn es zu actionreichen Auseinandersetzungen kommt.
Die Titelheldin und ihre junge Begleiterin machen während ihrer Suche auf unterschiedlichen Planeten Station, treffen diverse skurrile Aliens – derart greifbar wie in den „Guardians of the Galaxy“-Arbeiten werden die Story-Welt und ihre Bewohner allerdings nie. Zu oft macht „Supergirl“ einen generischen Eindruck, drängt sich das Gefühl auf, einen lieblos zusammengepanschten Cocktail serviert zu bekommen. Karas Backstory? Wird pflichtschuldig, aber ohne echte Wucht in die Handlung integriert. Die Beziehung zwischen der widerwilligen Superheldin und dem Waisenmädchen? Soll irgendwie eine Rolle spielen, bleibt jedoch unterentwickelt. Und Karas Entwurzelung, ihr Empfinden, kein Zuhause zu haben? Könnte Ausgangspunkt einer aufregenden Identitätsreise sein, entwickelt dennoch zu keinem Zeitpunkt die behauptete emotionale Kraft.
Dass die Macher einmal nicht die Welt oder das gesamte Universum ins Chaos stürzen, sondern schlicht eine persönlich motivierte Verfolgungsjagd lostreten, ist eine nette Abkehr vom üblichen Superhelden-sind-die-großen-Retter-Radau. Viel mehr als ein Trip von Punkt A nach Punkt B nach Punkt C usw. hat „Supergirl“ aber nicht zu bieten. Große Wendungen oder Überraschungsmomente, ein Anflug von epischem Atem? Fehlanzeige! Häufig wähnt man sich in einer überlangen Serienfolge, die wirkliches Leinwandformat vermissen lässt.
Ins durchwachsene bis trübe Bild fügen sich auch die beiden prominentesten Nebenfiguren ein. Der eigentlich mit viel Charisma ausgestattete Matthias Schoenaerts spielt einen Schurken, der trotz exzentrischer Kostümierung fast nichts hergibt, während Jason Momoas waldschratiger, lahme Sprüche klopfender Kopfgeldjäger Lobo wie ein Fremdkörper in der Geschichte wirkt. Zu allem Überfluss heuchelt der Film einen kritischen Blick auf das Thema Selbstjustiz vor.
Leid tun kann einem vor allem Milly Alcock, die sich in ihrer Rolle aufreibt, Karas unangepassten Charme, ihre rotzige Attitüde ebenso so gut vermittelt wie die Verunsicherung der anfangs selten nüchternen Protagonistin. An der australischen Darstellerin liegt es sicher nicht, dass „Supergirl“ zu einer zähen, kaum mitreißenden Angelegenheit wird.
Fazit
Quo vadis, DC Universe? Dem neuen Kinobeitrag nach zu urteilen in die falsche Richtung! Eine spannende Vision fehlt dem Superhelden-Reboot bislang komplett.