Auf den ersten Blick wirkt OTHER MOMMY wie ein weiterer Horrorfilm, der sich aus dem bekannten Fundus des Genres bedient.
Ein kleines Mädchen, ein unheimliches Wesen und eine Familie, deren Leben aus den Fugen gerät. Das hat man alles schon gesehen. Doch Regisseur Rob Savage geht die Geschichte etwas anders an. Er erzählt sie mit einer Geschwindigkeit und einer sprunghaften Logik, die zunächst irritieren können, letztlich aber durchaus ihren Reiz haben. Denn OTHER MOMMY fühlt sich weniger wie eine Geschichte über ein Kind an, sondern vielmehr wie eine, die von einem Kind erzählt wird.
Besuch aus dem Schrank
Die siebenjährige Bela hat eine zweite Mutter. Zumindest behauptet sie das. Die andere Mommy kommt nachts aus ihrem Schrank, um mit ihr zu spielen. Was zunächst nach einer überbordenden kindlichen Fantasie klingt, entwickelt sich schnell zu einem Albtraum. Denn das Wesen beschränkt seine Besuche bald nicht mehr auf die Nacht. Als Belas Vater selbst Zeuge einer Begegnung wird, ist es mit der vermeintlichen Einbildung vorbei. Seine Frau Ursula glaubt ihm zunächst nicht, wird jedoch ebenfalls eines Besseren belehrt. Bald bleibt der Familie nur noch die Flucht. Allerdings ist keineswegs sicher, dass man einem solchen Wesen überhaupt entkommen kann.
Unheimliche Momente
Dass die Erwachsenen die übernatürliche Bedrohung erstaunlich schnell akzeptieren, unterscheidet OTHER MOMMY von vielen vergleichbaren Filmen. Üblicherweise müsste das Kind erst einmal verzweifelt versuchen, seine Eltern von der Existenz des Monsters zu überzeugen. Savage verzichtet auf dieses bekannte Spiel und lässt das Grauen nahezu ohne Anlauf auf die Familie los.
Dabei gelingen ihm einige ausgesprochen unheimliche Momente. Nicht unbedingt, weil er auf besonders effektvolle Schockmomente setzt, sondern weil er Bilder findet, die tatsächlich verstören. Das ist in einem Genre, das sich nur allzu gerne selbst wiederholt, keine Selbstverständlichkeit.
Ein Kind erzählt
Im Mittelpunkt steht Arabella Olivia Clark als Bela. Die junge Darstellerin trägt den Film mit einer bemerkenswert natürlichen Präsenz. Jessica Chastain und Jay Duplass spielen zwar die erwachsenen Hauptfiguren, sind erzählerisch aber eher Beiwerk. Ihre Probleme werden lediglich angerissen. Das gilt für die Spannungen in der Ehe ebenso wie für Ursulas schwieriges Verhältnis zu ihrer Mutter, gespielt von Karen Allen, die entsprechend wenig Gelegenheit bekommt, ihrer Figur größere Tiefe zu verleihen.
Chastain überzeugt vor allem dann, wenn sie als andere Mommy auftritt. Mit einem beinahe grotesken Gesichtsausdruck verwandelt sie mütterliche Vertrautheit in etwas zutiefst Unheimliches. Gerade weil die äußere Erscheinung vertraut bleibt, funktioniert diese Verfremdung so gut. Interessanter als die Figurenzeichnung ist ohnehin die Dramaturgie. Savage hetzt mit einem Tempo durch die Handlung, das kaum Gelegenheit lässt, über einzelne Entwicklungen nachzudenken. Ereignisse überschlagen sich, Zusammenhänge bleiben gelegentlich unausgesprochen, manches wirkt beinahe erratisch. Genau darin liegt jedoch eine besondere Qualität des Films. Kinder erzählen schließlich auch nicht unbedingt chronologisch oder vollständig. Sie springen von einem Ereignis zum nächsten und lassen vermeintlich Unwichtiges einfach aus.
Dieser Eindruck wird durch die Rahmenhandlung verstärkt, in der Bela von ihrem Leben berichtet. Was wir sehen, erscheint dadurch wie jener Teil ihrer Geschichte, den sie bei ihrer Vorstellung an einer neuen Schule lieber verschweigt.
In den USA stieß der Film auf wenig Gegenliebe. Möglicherweise lag das an falschen Erwartungen, denn Savage liefert keinen klassischen Horrorfilm. Vielmehr vermischt er Grusel mit Familiendrama, Coming-of-Age-Elementen und Fantasy. Das funktioniert nicht immer reibungslos, zumal die Erwachsenen bei aller prominenten Besetzung etwas blass bleiben.
Fazit
OTHER MOMMY hat mehr zu bieten als die übliche Geistergeschichte. Der Film ist atmosphärisch, stellenweise ausgesprochen gruselig und erzählerisch eigenwillig. Nicht jede Entscheidung überzeugt, aber gerade seine ungewöhnliche Perspektive hebt ihn von zahlreichen Genrevertretern ab. Und wer glaubt, mit Beginn des Abspanns sei die Geschichte vorbei, sollte besser noch sitzen bleiben.